Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (DDFB), auch SIBO genannt – ist die häufigste Ursache des Reizdarmsyndroms (RDS). Geschätzt leiden zwei Drittel der RDS Patienten an einem unerkannten SIBO. Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Diagnosen weltweit, Tendenz steigend. Typische Reizdarmbeschwerden bzw. Beschwerden bei einem SIBO sind Bauchschmerzen, ein aufgeblähter Bauch (häufig auch ohne Blähungen), Blähungen sowie ein unregelmäßiger Stuhlgang, der von Verstopfung (vorallem beim SIBO vom Methantyp) bis hin zum Durchfall (vorallem bei SIBO vom Wasserstofftyp) reicht und auch häufig wechselt.

Weitere Symptome sind Mundgeruch, eine sekundäre Fruktusemalabsorption, ein sekundärer Lactasemangel (mit einer daraus entstehende Lactoseintoleranz) sowie ein sekundärer Diaminoxidasemangel (mit einer sich daraus entwickelnden Histaminintoleranz). Sekundär heißt, dass nach erfolgreicher Behandlung zumeist eine deutliche Besserung dieser Beschwerdebilder auftritt, teilweise sogar eine komplette Remission (=Verschwinden). Häufig besteht auch eine Assoziation mit einem Leaky Gut Syndrom bzw. eine gestörte Verwertung und Aufnahme der Nährstoffe über den Dünndarm (Malassimilation).

Aus der klinischen Erfahrung zeigt sich, dass viele Patienten oftmals eine jahrelange Odysee hinter sich haben. Herkömmliche Therapieempfehlungen wie eine Psychotherapie, die alleinige Gabe von Prä- oder Probiotika, Darmkuren oder Darmsanierungen, mehr oder weniger Ballaststoffe, Vollwertkost u.v.m. funktionieren nicht, wenn die grundlegende Ursache nicht behandelt wird. Der SIBO geht bei diesen Massnahme nicht weg oder kommt immer wieder.

Bei der Dünndarmfehlbesiedlung handelt es sich also um eine diagnostizierbare und behandelbare Krankheit.

Definition:

Bei der bakteriellen Dünndarmfehlbesiedlung findet sich im Dünndarm eine abnormal hohe Bakterienmenge und gleichzeitig auch Bakterien, die normalerweise nur im Dickdarm vorkommen. Kurz gesagt zuviele Bakterien am falschen Platz.

Diese „fehlgeleiteten“ Bakterien verwerten die noch nicht resorbierte und vollständig aufgespaltene Nahrung durch bakterielle Fermentation. Durch den Abbau entstehen Gase, osmotisch wirksame Stoffe und toxische Abbauprodukte.

Ursachen:

Im Rahmen eines SIBO´s überwuchern Dickdarmkeime den normalerweise keimarmen Dünndarm.

Eine Ursache kann eine „undichte“ Ileozökalklappe sein, z.B. nach Operation z.B. bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder nach Tumoren bzw. Verwachsungen. Die IC Klappe trennt Dick- und Dünndarm voneinander.

Ein Mangel an Magensäure kann die Entwicklung eines SIBO´s begünstigen. Dies ist auch der Fall, wenn man länger Protonenpumpenhemmer z.B. Pantoprazol einnimmt. Dadurch gelangen unverdaute Nahrungsreste (Eiweiße) in den Dünndarm und dort erfolgt eine Fermentierung durch die Darmflora mit einer Gasentwicklung. Insgesamt wird durch einen Verdauungsenzymmangel die Entwicklung eines SIBO´s gefördert (z.B. bei exokriner Pankreasinsuffizienz oder Gallestauung im naturheilkundlichen Sinn).

Eine Lactoseintoleranz und Fruktosemalabsorption kann auch zu einem SIBO führen und ein SIBO kann zu einer sekundären (reversiblen) Lactoseintoleranz und Fruktosemalabsorption führen.

Weitere Ursachen sind Schwermetalle z.B. Quecksilber, die die Darmflora negativ beeinflußen, Chemikalien und Pestizide (z.B. Glyphosat) hoch-prozentiger Alkohol oder Antibiotikaeinnahmen. Bei den Antibiotikaeinnahmen muss man differenzieren. Sie haben grundsätzlich negative Auswirkungen auf die Darmflora. Im Bezug auf die Entwicklung eines SIBO´s ist es vorallem wichtig zu wissen, dass Antibiotika, die vorallem die aerobe Flora (Dünndarmflora) reduzieren und nicht die anaerobe Flora, die SIBO Entwicklung massiv fördern (z.B. Cotrimoxazol, Tetracyclin, Ofloxazin).

Weitere Ursachen sind Peristaltikstörungen. Diese treten auch im Rahmen einer parasitären Darmerkrankung, der Lambliasis, auf oder nach einer Campylobacter jejuni Infektion. Der Campylobacter jejuni produziert Toxine, die das Nervensystem der Darmwand (intramurales Nervensystem) beeinflußen, und auch langfristig stören können. Weiters treten Peristaltikstörungen bei Diabetikern, bei Patienten mit einer Sklerodermie oder eine Amyloidose auf.

Diagnostik:

Die Darmfloraanalyse bzw. Mikrobiomanalyse eignet sich nicht zur sicheren Diagnose eines SIBO´s. Sie kann allenfalls Hinweise darauf bieten.

Der Goldstandard sind Atemteste. Die überwiegende Mehrzahl der bakteriellen Fehlbesiedelungen läßt sich mit Hilfe eines Wasserstoffatemtests diagnostizieren (persönliche Erfahrung: mehr als 90-95%). Sehr selten gibt es isolierte bakterielle Fehlbesiedelungen durch Methan-bildende Keime, hier ist vorallem Methanobrevibacter zu nennen. Diese werden dann nur mittels eines Methanatemtest diagnostizierbar.

Bei den Wasserstoffatemtests gibt es Atemteste mit Lactulose für die bakterielle Fehlbesiedelung im mittleren und unteren Dünndarm und mit Glukose für die bakterielle Fehlbesiedelung im oberen Dünndarm. Für die Diagnose müssen immer gleichzeitig Beschwerden während des Atemtests und das entsprechende Atemtestergebnis vorliegen.

Therapie:

Primär sollten die Ursachen behoben werden und ggf. in die Tiefe einer weiteren Diagnostik gegangen werden.

Dies beinhaltet unter anderem eine Untersuchung der Darmflora und funktioneller Parameter (Calprotectin, Alpha 1Antitrypsin, Zonulin, EPX, sIgA u.a.). Die Abklärung einer Zöliakie, Histaminintoleranz und von Nahrungsmittelallergien sind einige Beispiele, welche auch vor Behandlung abgeklärt werden müssen, da bei Nichtkenntnis und Beachtung dieser Krankheitsbilder kein Erfolg in der Behandlung erreicht werden kann. Eine Abklärung der Vitamin- und Mineralstoffspeicher ist empfehlenswert.

Desweiteren muss die Dickdarmflora reduziert werden und aus dem Dünndarm eliminiert werden. Die Dünndarmflora muss neu aufgebaut werden. Die Ernährung ist immens wichtig.

Es empfiehlt sich ein langsames Essen, jeder Biß sollte mindestens 30 mal gekaut werden. Vollkornkost sollte gemieden werden, diese ist gut für die Dickdarmkeime und deren Expansion. Lebensmittel mit einem hohen Polyol und Galaktangehalt sollten gemieden werden. Eine Kohlenhydratreduktion und eine FODMAP-arme Ernährung sind sehr wichtig. Ein probatorischer Verzicht auf Milchprodukte jeglicher Art, auf Gluten und hier vorallem Weizen aufgrund des hohen ATI- Gehalts (Amylase Trypsin Inhibitoren) und auf Eier (sogenanntes Autoimmunprotokoll) kann versucht werden. Sollte ein Leaky Gut Syndrom vorliegen ist dies zwingend notwendig.

Ein manuelle Therapie, vorallem die vizerale Osteopathie (extrem wichtig), neuraltherapeutische Anwendungen, Einreibungen mit Ölen und Akupunktur wirken unterstützend positiv.

Die der verschiedenen Phasen der Therapie beträgt insgesamt 6-9 Monate.