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Zunehmend kommen Betroffene zu uns mit Histamin-assoziierten Beschwerdebildern. Daher ist es mir ein besonderes Anliegen, darüber zu informieren. Woran dies liegt ist letztendlich nicht abschließend zu klären, die Zunahme und die Mannigfaltigkeit der Beschwerden ist jedoch ausgeprägt, dies steht ohne Zweifel fest. Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) sehen wir gehäuft nach Coronainfekten und auch nach den Coronaimpfungen im Rahmen eines POST VAC Syndroms. Obwohl z.B. das MCAS schulmedizinische Krankheitsbilder sind, ist man damit in der „klassischen“ ambulanten als auch stationären DRG Medizin (pro Diagnose gibt es einen DRG Code mit der optimalen Liegezeit für die optimale Vergütung) meist verloren. Es herrscht hier überwiegend Unkenntnis und die Patienten werden als psychisch krank abstigmatisiert. Wir wollen nun wie folgt verschiedene Präsentationsbilder von Beschwerden, welche mit Histamin in Verbindung stehen, beleuchten. Die unten stehende Grafik zeigt Histamin-assoziierte Beschwerden, grob vereinfacht, über die H-1 und H-2 Histaminrezeptoren.

Abbildung 1: Histaminassoziierte Symptome (eine Übersicht, nicht vollständig)

Differentialdiagnostisch klären wir Histamin-Abbaustörungen, eine erhöhte Bildung von Histamin im Darm sowie ein Mastzellaktivierungssyndrom bzw. eine Mastozytose (sehr selten vorliegend) ab.

Histamintoleranz bzw. Abbaustörung:

Histamin ist ein ubiquitärer Neurotransmitter (=Botenstoff) und daher können die Beschwerden bei Störungen des Histaminstoffwechsels sehr viele verschiedene Organe betreffen (Haut, Kreislaufsystem, Herz, Zentralnervensystem, Magen-Darmtrakt, Uterus, Lunge, Bronchien u.a.). Auch psychiatrische Symptome sind u.a. durch Störungen im Histaminstoffwechsel bedingt (siehe Histadelie). Die Histadelie äußert sich zum Beispiel durch Missempfindungen, Wahnvorstellungen, Zwangshandlungen, Störungen im Gedankenablauf, Geistesabwesenheit, abnorme Ängste, ständige suizidale Depression, rasches Ausbrechen in Tränen und Verwirrtheit. Geschätzt leiden 20 % der Patientin mit Schizophrenie (eigentlich bzw. auch) an einer Histadelie. Weiteres treten häufig Beschwerden im Magen-Darm Bereich (Sodbrennen, Magenschmerzen, Ulzera, Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. Allergien u.a.) , Hauterkrankungen (z.B. Nesselsucht, Ekzeme u.a.), Atemwegsprobleme (z.B. Asthma), neurologische Erkankungen (Migräne, ADS, ADHS, Schizophrenie, chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen), gynäkologische Beschwerden (vorallem treten hier Probleme um den 15. Zyklustag und kurz vor der Blutung auf, prämenstruelles Syndrom, Zyklus-abhängige Migräne) und Schwindel auf. Bis zur korrekten Diagnose vergehen häufig viele Jahre und die Betroffenen haben eine lange Irrfahrt hinter sich. Fälschlicherweise werden Sie häufig als psychosomatisch krank abgestempelt. Histamin entfaltet seine Wirkung über 3 verschiedene Rezeptoren, die H1, H2 und H3 Rezeptoren. Diese sind annähernd überall vorhanden, dies erklärt die mannigfaltigen Beschwerdebilder bei einem Überschuss von Histamin im Körper.

Eine Histaminintoleranz bzw. Abbaustörung kann primär oder sekundär bedingt sein (primär=genetisch / HNMT oder DAO Polymorphismen oder sekundär sein durch einen Coenzymmangel: Zink, Kupfer und/oder Vitamin B-6 Mangel oder eine Schädigung der Dünndarmschleimhaut, welche als Produktionsstätte von 50-70% der DAO fungiert).

Wichtig ist die Differenzierung zwischen einer sekundären (reversiblen) und primären Form der Histamintoleranz. Bei der primären Form liegen genetische Veränderungen in den Histamin-abbauenden Enzymen vor (DAO und HNMT). Die Diaminoxidase (=DAO) hat als Aufgabe den Abbau von Histamin im Darm und extrazellulär. DIe DAO baut aber nicht nur Histamin, sondern auch Histamin-ähnliche Substanzen, die biogenen Amine, ab. Zu dieser Gruppe zählen u.a. Tyramin,  Putrescin, Cadaverin und Octopamin. Diese können selbst auch eine Rolle bei verschiedenartigen Beschwerden spielen (z.B. Autismus, Kopfschmerzen u.a.). Ein Blick auf die Darmflora ist daher immer empfehlenswert, auch bei Darm-fernen Beschwerden, da diese Stoffe durch gewisse Darmkeime gebildet werden (siehe unten) und zum Bespiel bei einem gleichzeitig vorliegendem Leaky Gut Syndrom ins Blutsystem übertreten und Ihre Wirkung im Körper entfalten. Die Histamin-N-Methyltransferase (=HNMT) hat als Aufgabe den Abbau von organständigen Histamin z.B. im Gehirn. Für beide Gene exisitieren bekannte Polymorphismus, welche zu einer Abbaustörung führen können. Meist sind Abbaustörungen sekundär bedingt bzw. man kann trotz vorliegender Polymorphismen meist eine Optimierung des Histaminabbaus durch verschiedene therapeutische Massnahmen erreichen.Die folgende Grafik zeigt den Abbau von Histamin (mit freundlicher Genehmigung von IMD Berlin).

Abbildung 2: Hauptabbauwege des Histamins

Bei einer Histaminintoleranz ist eine Histamin-arme Ernährung sinnvoll. Eine Histamin-freie Ernährung kann man praktisch nicht erreichen. Zusätzlich muss man die Coenzyme der Diaminoxidase prüfen und diese ggf. substituieren. Dabei handelt es sich vorallem um Kupfer, Zink und Vitamin B-6. Unter einer Subsitution kann sich die Diaminoxidase- Aktivität mitunter deutlich verbessern. Neben den Coenzymen blicken wir auch immer auf den Dünndarm. 50-70% der DAO werden in der oberflächlichen Zellschicht (Epithel) des Dünndarms produziert. Hat der Dünndarm ein Problem (z.B. eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms oder ein Leaky Gut Syndrom), kann die Produktion gestört sein. Dann ist der primäre Ansatzpunkt der Therapie die Optimierung des Dünndarmmilieus und eine Ursachenforschung, woher die Dünndarmproblematik kommt. Ebenso kann der Darm bzw. die Darmflora die Ursache für eine erhöhte Histaminproduktion und biogener Amine mit Histamin-artiger Wirkung sein. Hier wird im Rahmen eines Ungleichgewichts in Bezug auf die Darmkeime vermehrt Histamin durch Decarboxylierung aus der Aminosäure Histidin, welche mit der Nahrung zugeführt wird, durch die sog. Histaminbildner hergestellt (Klebsiella spp., Hafnia alvei, Morganella morganii, E.coli spp. u.a.). Histamin kann man auch im Stuhl bestimmen und die Dysbiose der Darmbaktierien dann naturheilkundlich behandeln.

Mastzellaktivierungssyndrom (MCAD / MCAS):

Das Mastzellaktivierungssyndrom ist ein durchaus komplexes Krankheitsbild und vielen ambulant und stationär tätigen Ärzten vollends unbekannt, obwohl es zunehmend in den Focus von Experten und universitären Einrichtungen rückt. Die Prävalenz in der Bevölkerung wird auf den niedrig zweistelligen Bereich geschätzt. Ich denke, die Prävalenz liegt deutlich höher und die Tendenz ist steigend. Viele Long COVID Patienten und auch Post VAC Syndrom Patienten sind von einem MCAS betroffen. Die Beschwerden sind aufgrund der ubiquitär vorhandenen Histaminrezeptoren so mannigfaltig, dass sich Ärzte bei der Schilderung der vielen Beschwerden der Betroffenen nicht vorstellen können, dass dahinter ein Mechanismus stecken kann. Die Betroffenen waren meist bei vielen verschiedenen Fachärzten und bei jedem Facharzt wird das entsprechende Symptom behandelt, der Blick aufs Ganze fehlt jedoch, zum Unheil bzw. Leid des Patienten und der Arzt denkt, dass muss doch sicher teilweise an der Psyche liegen. Ein MCAS bzw. ein Histamüberschuss im Zentralnervensystem führt auch zu psychischen Problemen und Histamin aktiviert z.B. die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse und führt im Verlauf häufig zu einem chronischen Müdigkeitssyndrom, teilweise mit starken Schlafstörungen und starken Leistungsminderungen tagsüber („kann nachts nicht schlafen und bin tags totmüde“). Die Symptomatik ist von Patient zu Patient unterschiedlich, es sind meist immer nur einige Organsysteme betroffen, nicht alle, sodass die Präsentation der Beschwerden nicht einheitlich ist.

Bei dem Verdacht auf ein MCAS wird zuerst eine ausführliche Anamnese erhoben, auch verschiedene Fragebögen können zur Anwendung kommen. Für die Diagnosestellung gibt es Haupt- und Nebenkritierien, im deutschen Gesundheitssystem existiert jedoch (noch) keine eigener ICD Code für die Diagnose. Die Mastzelle selbst ist der Dirigent des Immunsystems und beim Zerfall läßt diese über 200 Botenstoffe frei, welche weitere Immunszellen anlocken und mannigfaltige Reaktionen im Körper auslösen. Beim MCAS kommt es zu einer Überreaktion bzw. Dauerstimulation der Mastzelle (durch einen externen Reiz) und dadurch zu einer dauerhaften Ausschüttung der im Körper aktiven Botenstoffe. Es kommt sozusagen zu einem Mastzelldauerfeuer. Dies kann durch annähernd alles in unserer Umwelt ausgelöst werden z.B. physikalische Reize (Kälte/Wärme), mikrobielle Erreger, Umweltgifte jeglicher Art (Schwermetalle, Chemikalien, Lösungsmittel, Insektizide u.a.) und Vieles mehr. Eine kausale Therapie ist meist nicht möglich.

Zur Abklärung sucht man nach erhöhten Spiegeln von relativ selektiven Mastzellbotenstoffen. Hier kann man Histamin im Blut bestimmen, den Tryptasewert (dieser ist bei MCAS häufig normwertig, bei der primären Mastozytose meist erhöht>20ng/ml), die Leukotriene im Urin sowie einen 24 Stunden Sammelurin auf N-Metyhl-Histamin. In Zusammenschau mit der Klinik und keinen sich erhärtenden Hinweisen für eine primäre Mastozytose (Kriterien: fehlender Nachweis der KITD816V-assoziierten WHO-Kriterien für eine systemische Mastozytose (SM) in der Knochenmarkbiopsie und den Biopsien aus dem Gastrointestinaltrakt) stellt man die Diagnose eines MCAS.

Die Therapie des Mastzellaktivierungssyndroms besteht primär in der symptomatischen Gabe von H1 und H2 Blockern und Mastzellstabilisatoren. Dies führt bei den meisten Patienten zeitnah zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität. Es ist wichtig, dass hier primär eine Stabilisierung des Gesundheitszustands erreicht wird, und im Verlauf kann man sich auch an eine ursächliche Therapie heranwagen, wobei hier immer der Darm eine große Rolles spielt, Erreger, Toxine und das Immunsystem. Eine sehr tolle Möglichkeit Vieles auf einmal zu erreichen ist die Hochdosisozontherapie nach Lahodny (OHT). Die OHT wirkt sich auch nach bisherigen Erfahrungen sehr positiv aus. Wir klären die bekannten Ursachen ab und versuchen im Verlauf, nach einer Stabilisierung, spezifisch zu therapieren um den Zustand weiter zu stabilisieren.

Eine häufige Frage: Sind erhöhte Blut-Histaminspiegel wegweisend für eine Histaminintoleranz oder ein MCAS?

Teilweise, aber man muss Differentialdiagnostik betreiben. Bei einem MCAS sind häufig auch anderen Mastzellmediatoren erhöht (Leukotriene im Urin u.a.); Erhöhte Histaminspiegel können auch durch andere Ursachen bedingt sein und die Bestimmung von Histamin im Blut ist nur eine Momentaufnahme und kann nicht auf einen Dauerzustand übertragen werden. Als Beispiel können erhöhte Histaminspiegel auch bei einer floriden Typ 1 Allergie z.B. auf Pollen oder Gräser auftreten oder bei Parasitosen. Es ist auch nicht untypisch, dass bei einem Patienten eine kombinierte Abbaustörungen durch Veränderungen der DAO oder der HNMT, ein MCAS und eine floride Typ 1 Allergie vorliegen. Hier ist (leider) alles möglich.